Wer berichtet schon gerne von einem nicht erreichten Ziel. Wie fühlt es sich an, wenn eine ganze Gruppe tatsächlich nicht mehr weiter kann und das Ziel in weite Ferne rückt? Ärger, Enttäuschung. Wir stehen nach längerem Anmarsch auf der Gletscherzunge des Gepatschferners und kommen nicht weiter.
Glatt, steil, von Spalten durchzogen liegt das Eis vor uns. Falls wir uns doch hinauf getrauen sollten, kommen wir auch wieder herunter? Gibt es einen Ausweg, seitlich vorbei über loses Blockwerk, Geröll, vorbei und weiter oben auf den Gletscher? Es geht nicht, ist nichts für uns rüstige, aber nicht mehr jugendliche Truppe. Die Rauhekopfhütte und das Gletscherplateau des Gepatschferners erreichen wir heute nicht.
Hm, bleiben wir positiv. Eine Richtlinie des Alpenvereins zum Naturschutz lautet „Ganzheitliches Naturverständnis fördern“, dafür haben wir nun mehr Zeit.
Wir unterhalten uns über die aktuelle Trockenheit, über Energie aus Wasserkraft und Trinkwasser für Mensch und Tier. Der Kreis schließt sich bei dem vor uns liegenden, beeindruckenden Gletscher mit seinen Spalten, Löchern, frischen Abbrüchen und dem tosenden Schmelzwasser. Hier, im Naturpark Kaunergrat laufen Bestrebungen einer weiteren Erschließung durch Seilbahn und Lifte. Kann die Politik, die seit 2003 bestehenden Verordnungen eines Naturparkes einfach wieder ändern?
Wir sehen aber auch, wie sich um uns die Pionierpflanzen wie Gletscherhahnenfuss, gegenblättriger Steinbrech, Alpenleinkraut, sowie Flechten und Moose neben dem Eis ansiedeln.
Auf dem Rückweg staunen wir, wie stark die Fagge, der Abfluss des Gepatschferners, in der Zwischenzeit angeschwollen ist. Eine enorme Wassermenge fließt jeden Tag vom Ferner in den Stausee.
Im Gepatschhaus stärken wir uns mit allerlei Köstlichkeiten. Die zerstörerische Gewalt des Wassers sehen wir noch einmal auf der Heimfahrt im hinteren Kaunertal. Riesige Felsblöcke, Schlamm, Baumstämme, die Spuren eines Gewitters von Ende Juni wurden notdürftig beseitigt. Die Wallfahrtskirche Maria Kaltenbrunn, am Ausgang des Kaunertales, lädt uns zu einer spontanen Einkehr. Stille, Kühle, Besinnung, das ist gerade jetzt sehr passend.
Haben wir nun unser Ziel für den Tag tatsächlich nicht erreicht? Diese Frage stellt sich so nicht mehr.
Jos Angebrand, Naturschutzreferent, Österreichischer Alpenverein, Sektion Zillertal


